Tour de raison statt Tour de France: „Fir d’éischt de Kuch, dann Kiischt“.

Vor wenigen Stunden wurde der Gemeinderat offiziell seitens des Schöffenrates über die Kandidatur Echternachs als Etappenort der Tour de France im Jahre 2010 oder alternativ 2011 informiert.

Als Kostenvoranschlag wurde die Summe von 1 Million € genannt. Laut einem Zeitungsbericht (Tageblatt 29.10.2008) betonte der Bürgermeister den publizistischen Wert eines solchen Events.

Intra Muros asbl ist der Ansicht, dass diese Kandidatur unter anderen Umständen eine überlegenswerte Initiative hätte darstellen können, dass sie zum heutigen Zeitpunkt allerdings völlig unangebracht ist.

Das Argument des publizistischen Wertes, das auch immer wieder von den Veranstaltern selbst angeführt wird, mag ja für bestimmte Regionen Frankreichs zutreffen. Hier werden ganz andere und vor allem professionelle Vermarktungsstrategien über Jahre hinweg angewandt.

Die Etappenorte außerhalb Frankreichs aber sind reine Prestigeangelegenheiten. Dies können die politisch Verantwortlichen vergangener Etappenorte bestätigen. Mit einer nachhaltigen touristischen Werbung hat dies rein gar nichts zu tun. Der Kosten-Nutzen-Effekt ist unangemessen und minimal.

Auch dürfte es in Anbetracht der heftigen Diskussionen um die Zukunft eines sauberen Radsports immer schwieriger werden, gewichtige und finanzkräftige Sponsoren definitiv an einen solchen Event zu binden. So oder so, die finanzielle Hauptlast trägt die Gemeinde.

Um es mal anders auszudrücken: Der Event stellt für einen kommunalen Veranstalter außerhalb Frankreichs eine Art „Kiischt um Kuch“ dar. Eine solche „Kiischt“ muss man sich aber finanziell leisten können.

Und genau hier liegt nun für Echternach das Problem.

Die Gemeindeverantwortlichen erklären in allen Tonlagen die äußerst prekäre finanzielle Situation der Gemeinde. „Bei der Haushaltssituation sind keine „sexy Projekte“ mehr drin“, postulierte, laut Gemeinderatsbericht im Journal, der Finanzschöffe vor nicht mal 10 Monaten. Am vergangenen Montag betonte der Bürgermeister, laut Gemeinderatsbericht im Tageblatt, betreffend die Gemeindefinanzen: „Die Rechnung geht hinten und vorne nicht auf“. Drastischer und gar dramatischer kann ein Bürgermeister die Lage um die Gemeindefinanzen nicht beschreiben.

Dass „die Rechnung hinten und vorne nicht aufgeht“ hat mit den geschätzten 36 Millionen € Baukosten für das Kulturzentrum Trifolion zu tun. Dass Echternach ein Kulturzentrum gebraucht hat steht ausser Frage. Was allerdings heute mit voller Wucht zurückschlägt ist die Tatsache, dass seitens aller amtierenden Schöffenräte beim Bau dieses Zentrums die Zügel äußerst locker gelassen wurden und politisch keine Kontrolle herrschte. Resultat dieser Politik: Dringende Investitionen wie etwa die Sanierung der Sporthalle werden auf Sankt Nimmerleinstag verschoben.

Zu dieser finanziellen Schieflage kommt erschwerend hinzu, dass Echternach nicht zu übersehende Mängel, Probleme und Rückstände auf sozialem, infrastrukturellem und touristischem Gebiet hat. Ein unvoreingenommener Blick über den Tellerrand gibt mehr als Bestätigung.

Beschränken wir uns im Zusammenhang mit der Etappenort-Kandidatur auf die nicht zu bestreitende Notwendigkeit ins touristische Image zu investieren. Die Frage sei erlaubt, ob die 1 Million €, die jetzt hervorgezaubert werden soll, nicht nachhaltiger angewandt werden könnte und sollte.

Wir stellen fest,

  • dass es kein seriöses, schlüssiges touristisches Konzept für Echternach gibt, weder inhaltlich noch werbemäßig;
  • dass der einst stolze Echternacher Park verlottert ist. Spätestens bei einer Partie Minigolf oder dem Anblick der Erinnerungstafel des lokalen Verschönerungsvereins, dürfte wohl jedem der allgemeine Zustand klar werden;
  • dass das Freizeitzentrum am Echternacher See stark verbesserungsfähig ist. Ganz rezent meinte der Tourismusminister äusserst diplomatisch: „Er könnte besser gepflegt sein.“ (Revue 13.9.2008);
  • dass die Evolution der Fußgängerzone „Haalergaas“ Anlass zur Sorge gibt. Ganz offen sprechen die Touristen die Geschäftsleute auf den langsamen Niedergang an. Eigentlich müsste diese Fussgängerzone ein Pfund in der touristischen Werbung darstellen.
  • dass das historische Zentrum einer dringenden Revalorisierung bedarf.

Wir sind es leid,

  • dass die älteste Stadt Luxemburgs die Mittel nicht aufbringt, eine moderne Marketingsstrategie (Cittàslow als Stichwort) zu erstellen.
    Echternach muss sich mit Städten wie Saarlouis oder St. Wendel messen. Echternach sollte eine Partnerschaft mit einer Stadt wie Speyer anstreben, dies aus historischen und kulturellen Berührungspunkten. Hier liegt ungeahntes Potential einfach brach. Es genügt nicht zu frohlocken, wenn Echternach im Vergleich mit Vianden und Clerf gut abschneidet!
  • dass viel Geld in Projekte investiert wird, die letztendlich sehr wenig bringen. Die zweifelsohne sehenswerte Ausstellung „Europa foi Camiño“ hat die Gemeinde und die Allgemeinheit im Kulturjahr 2007 über 400.000€ gekostet und wurde durch puren Amateurismus in der Umsetzung in den Sand gesetzt.
  • dass dringend notwendige, und nachhaltig sinnvolle Arbeiten einfach auf die lange Bank geschoben oder nicht mal erwogen werden. Wieso wird beispielsweise nichts unternommen, um dem einst so einmaligen Stadtpark zu neuem Glanz zu verhelfen. Hier könnte nachhaltig in ein touristisch sinnvolles und attraktives Projekt investiert werden;
  • dass oft gerade geringe finanzielle Mittel fehlen, mit denen viel bewirkt werden könnte. Wieso kann Echternach – eine jener Städte weltweit, die schon sehr früh über eine elektrische Straßenbeleuchtung verfügten- sich beispielsweise keine wirklich moderne, attraktive Adventsbeleuchtung leisten.
  • dass das lokale Tourismussyndikat die Kraft nicht aufbringt, spätestens auf Grund der rezenten Mind-Forest-Studie, sich selbst ein paar kritische Fragen zu stellen. Das Ewige „Sich selbst auf die Schulter klopfen“ schafft keine wirkliche Zukunftsperspektive.

Als Fazit hält Intra Muros fest, dass Echternach sich die Tour de France zurzeit einfach nicht leisten kann und darf. Wir glauben, dass der finanzielle Kraftakt von 1 Million €, wenn er denn möglich ist, besser und nachhaltiger angelegt werden müsste.

Falls wir dann den „Kuch zesumme gebaak hun“, sind wir ferventer Anhänger für die „Kiischt“. Zuerst also eine Tour de raison, dann die Tour de France!

(Mitgeteilt 30.10.2008)

  1 comment for “Tour de raison statt Tour de France: „Fir d’éischt de Kuch, dann Kiischt“.

  1. 5. Januar 2009 at 05:17

    Interessanter Beitrag zur Frage Tour de France. Ich möchte nur ganz schelmisch die Frage in den Raum stellen, welchen Beruf der Bürgermeister von Echternach inne hat, und ob dieser Berufsstand eine Beziehung zum Radsport pflegt?

    Spaß beiseite. Zu erst einmal würde ich gerne wissen, was mit „zum heutigen Zeitpunkt“ gemeint ist? Wenn es um die schlechte finanzielle Lage geht, in der sich unser Planet und besonders Echternach befindet, ist dies kein Argument. Denn in anderen Städten, ob groß oder klein hat die Vergangenheit gezeigt, dass besonders in schweren Zeiten solche Investitionen sich auszahlen. Beispiele hierfür findet man zum Beispiel in Glasgow 1990 oder in Liverpool 2008, momentan Vilnius 2009, ersteres ist x-fach dokumentiert. Natürlich ist Echternach keine Großstadt wie Glasgow, aber dieses Beispiel übertrug sich etliche Male auf kleinere Städte.

    Wie kommen Sie zu der Aussage: „Die Etappenorte außerhalb Frankreichs aber sind reine Prestigeangelegenheiten. Dies können die politisch Verantwortlichen vergangener Etappenorte bestätigen. Mit einer nachhaltigen touristischen Werbung hat dies rein gar nichts zu tun. Der Kosten-Nutzen-Effekt ist unangemessen und minimal.“ Diese Aussage ist in meinen Augen nicht haltbar. Wer sind diese politisch Verantwortlichen von denen Sie reden? Das Buch Sport in the City von Chris Gratton und Ian P. Henry erwähnt kurz, dass diese Veranstaltungen positiv messbare Auswirkungen haben, auch im Ausland. Auch im Journal of Sports and Tourism sind spontan 2 Artikel zu finden [1], die dies bestätigen, beide fokussieren auf britische Austragungsorte.

    Gestützt auf diese Aussagen, frage ich mich wo die Behauptung herkommt, es handle sich um eine „Kiischt um Kuch“.

    Allerdings treffen Sie in meinen Augen in anderen Punkten voll und ganz den Kern des Problems:
    Welches touristische Konzept hat Echternach? Echternach hat großes Potential wie einige wenige Veranstaltungen zeigen, welche locker Tausende von Besuchern anlocken. Warum liegt es brach?

    Dieser Amateurismus den Sie ansprechen ist in ganz Luxemburg zu sehen. Das Problem ist, dass viele Leute nicht sehen, dass es nicht die Veranstaltungen selbst sind, wo Geld verpulvert wird, sondern viel zu oft die Projekte durch Amateurismus erstens zu teuer sind, zweitens zu wenig Nachlass haben im wirtschaftlichen Sinne (einschließlich Tourismus).

    Kaum eine Stadt in Luxemburg zeigt momentan ein wirkliches Konzept, und so gut die Anstrengungen sind, wer momentan auf dem Tourismusmarkt überleben will, kann nicht mit über vereinähnliche Strukturen fahren, sondern muss wirschaftlich und professionell vorgehen.

    Allerdings muss sich Echternach bewusst sein, dass solche Maßnahmen Opfer fordern, und bereit sein, diese auf sich zu nehmen – und das nicht nur finanziell. Das rezente Beispiel Luxemburg Stadts zeigt zum Beispiel, wie eine „Rives de Clausen“, welches ein Projekt mit der Kraft ist, ein ganzes Viertel zu regenerieren, an Wert verliert, wenn die Bevölkerung nicht bereit ist, die Ruhestörung, die solch ein Vergügungsviertel mit sich bringt, auf sich zu nehmen. Sowas ist delikat, weil man der Bevölkerung (die ja auch Wähler sind) ganz leicht auf die Füße tritt, weil diese oft nicht verstehen, was das Ziel ist und wie wichtig es ist dieses zu verfolgen.

    Das Argument allerdings, dass die Zukunft der Tour ungewiss im Bezug auf sein Rennomé ist, gilt. Das wird wohl der nächste Sommer zeigen.

    Das Problem ist nicht diese Million. Eine Tour de France Etappe kann gut und nachhaltig angelegt werden, so dass nachher durchaus mehr rausspringt als man investiert hat. Das wurde oft gezeigt. Auch im Ausland. Das Problem ist viel eher, dass ich momentan nicht sehe, wer dieses Mammut-Projekt durchführen soll, ohne dass es auf dem Geplänkel der Kommunal- und Dorfpolitik scheitert.

    Echternach steht auf einem schweren Stand, weil man das Gefühl hat, dass man sich nicht einig ist, wer man eigentlich ist:
    Möchte man ein nettes, kleines Städtchen sein, ohne größere Ansprüche; gerne, dann soll man sich aber auch darauf besinnen.
    Möchte Echternach aber eine kleine aber touristisch Interessante Stadt sein, dann reicht es nicht so weiter zu machen, dann braucht Echternach Profis mit einem Budget, die freiere Hand haben bei Ihren Vorgehen, die wissen, wie man effizient und nicht nur effektiv investiert. Aber das kostet Geld, und dafür muss jeder bereit sein, Abstriche zu machen, sein Geschäft oder Komfort auch mal in den Hintergrund stellen für die Stadt. Und die Stadt Echternach muss bereit sein, mit den Bürgern Kompromisse zu suchen. Und das wird schwer.

    Die Tour de France ist eine großartige Chance für Echternach und hat das Potential die Stadt aufzuwerten und dem rapiden Verfall entgegen zu wirken. Aber dafür braucht Echternach ein Konzept und vor allem den Mut, dieses Konzept anzuwenden, den Mut es durchzuziehen.

    [1] – The Impact of Hosting Major Sporting Events on Local Residents: an Analysis of the Views and Perceptions of Canterbury Residents in Relation to the Tour de France 2007
    Chris Bull; Jane Lovell
    – Racing Cyclists as Sports Tourists: The Experiences and Behaviours of a Case Study Group of Cyclists in East Kent, England
    C.J. Bull

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